Ich gehe mal aus Zeitgründen nur auf ein paar Sachen ein:
tutor! hat geschrieben:Bei einigen dieser Techniken - exemplarisch bei Harai-goshi - wirkt in der zweiten Phase durch den Schwungbeineinsatz ein zweiseitiger Hebel, der Ukes Beine nach hinten und seinen Oberkörper nach vorne dreht.
Richtig...
tutor! hat geschrieben:Jetzt aber Achtung. Hätte Uke in diesem Fall noch einen (festen) Stand, also eine hohe Reibung zwischen Füßen und Matte, würde Toris Schwungbein Ukes Oberschenkel/Hüfte nach hinten drücken und damit ein Drehmoment in die falsche Richtung erzeugen .
Wenn Uke soweit nach vorn auf das Bein gezogen wurde, daß sein Schwerpunkt über dem eigenen Fuß sich befindet, dann ist die Reibungskraft maximal, wenn wir nur Uke betrachten.
Würde Uke Schwerpunkt darüber hinaus weiter nach vorn gezogen werden, dann würde Uke nach vorn fallen oder einen Schritt machen, um das zu korrigieren.
Dieser Schritt wird aber durch Toris Beinaktion verhindert, soweit paßt das. Befindet sich Ukes Schwerpunkt hinter seinem vornstehenden Bein,
dann gibt es einen Winkel zwischen Ukes Bein und der Matte - ein parallel zur Matte gerichtet Beinaktion von Tori würde damit die Reibungskraft
zwischen Ukes Fuß und Matte extrem erhöhen und den Wurf verunmöglichen. Ich gehe mal davon aus, daß Du das mit "nach hinten drücken" sogar meinst.
Das kann aber etwas kompensiert werden, wenn die Beinaktion von Tori etwas von unten nach oben wirkt - das schreibst Du auch ja dann auch - oder man ändert den
Vektor so, daß die Kraft eben nicht direkt von vorn auf Ukes Bein wirkt, sondern leicht von innen...
tutor! hat geschrieben:In diesem Fall müsste Tori Ukes Oberkörper sehr stark nach vorne ziehen, um in der Summe noch ein Drehmoment nach vorne zustande zu bringen.
Würde nichts nützen rein mechanisch betrachtet, es sei denn, Ukes Bein gibt nach - was man leider auch gelegentlich sieht...
tutor! hat geschrieben:Analog verhält es sich bei Seoi-nage und bei Tsuri-komi-goshi. Durch das Aufladen - manche sagen dazu auch "ausheben" oder auch "aushebeln", wird die Reibung zwischen Ukes Füßen und der Matte minimiert. Uke kippt in einer ersten Phase auf Toris Hüfte, was voraussetzt, dass Toris Hüfte tiefer ist als Ukes Schwerpunkt. Es wird ferner Kontakt hergestellt, was Adhäsionskrafte zwischen Toris Rücken und Ukes Bauch (genauer: zwischen den beiden Judogi) bewirkt. Sobald Ukes Körper weit genug auf Tori aufgekippt ist, kann Tori seine Beine strecken, was a) Uke von den Füßen holt und b) einen zweiseitigen Hebel für ein Drehmoment nach vorne entstehen lässt.
Hier ist die Situation aber doch etwas anders, da ja Uke bestrebt ist, seine Füße auf gleiche Höhe zu bringen (siehe Otaki/Draeger, Stichwort "closing gate effect" oder so ähnlich) bzw. im Gegensatz zu Harai-Goshi er zum Zeitpunkt des Schlages bei S-N / Blockes des Tsuri-Komi-Goshi dies auch in der Regel geschafft hat, da er eben nicht H-G-mäßig von Tori auf das vordere Bein geführt werden kann, weil die Möglichkeit Uke dahin zu führen beim S-N erst am Ende der Eindrehbewegung nach Ergreifen des Schlagarmes und beim T-K-G eigentlich gar nicht besteht...
Damit entfällt der potentielle "Anpress-Effekt", wie oben beim Harai-Goshi beschrieben und der Hüftstoß geht ja sowieso tendenziell nach oben ...
tutor! hat geschrieben:Sehr gut zum Studium dieser Zusammenhänge eignet sich BTW Kata-mawashi aus Ju-no-Kata:
Also ich sehe da einen Tori, der sich selbst in Hohlkreuz stellt, um Ukes Arm irgendwie zu angeln.
Das halte ich persönlich für "deutlich grundfalscher", als ein drehmomentbegünstigendes Durchlaufen beim Seoi-Nage, Tsuri-Komi-Goshi, Kata-Guruma ...
tutor! hat geschrieben:Sobald Ukes Füße die Matte verlassen, verändert sich die Gleichgewichtssituation erheblich. Toris Füße müssen nun nicht mehr allein dessen Gewicht tragen, sondern für den Moment bis zum Abwurf auch Ukes Gewicht
Hier müssen wir allerdings beachten, daß dies nur gilt, wenn (quasi)-statisch gearbeitet wird, sprich Zeitlupe oder abgestoppte Bewegung, wie man es leider
heute ständig beim Kata-Guruma in Nage-no-Kata-Vorführungen sieht.
Oder halt bei einigen Techniken der Ju-no-Kata, wo es ja offensichtlich zur Körperertüchtigung dient, sozusagen als Gymnastik.
Wird mit hinreichend großer u. ununterbrochener Bewegung gearbeitet, muß Tori eigentlich zu keinem Zeitpunkt Ukes volles Gewicht tragen.
Er muß es halt nur geschickt steuern ...
Und das ist auch der ganze "Trick", warum mittels Judotechniken kleine, leichte Leute auch größere u. schwerere werfen können...
tutor! hat geschrieben:Wichtig ist in dieser Situation, dass der gemeinsame Schwerpunkt von Tori und Uke nicht hinter Toris Fersen gerät, da Tori dann nach hinten kippen würde und nicht mehr kontrolliert nach vorne werfen kann.
Auch hier darf man nicht die Bewegungsrichtung der Schwerpunkte aus der Betrachtung
rauslassen ... Bewegt sich Ukes Schwerpunkt und damit der gemeinsame Schwerpunkt noch vorn (von Uke ausgesehen), dann gerät mitnichten Tori nach hinten
aus dem Gleichgewicht...
tutor! hat geschrieben:Andernfalls würde das ganze System nach hinten kippen und umfallen. Da aber außerdem das dritte Newton´sche Gesetz auch für hochgraduierte Japaner gilt, kann er in der Rückwärtsbewegung - ohne einen Fuß hinter dem Schwerpunkt zu haben - keinen Zug nach vorne entwickeln. Jegliches Ziehen würde in einer Reactio in rückwärtiger Laufrichtung münden und das System noch schneller (um)kippen lassen. Es lässt sich nun einmal in Rückwärtsbewegung nur nach vorne ziehen, wenn ein Kraftansatzpunkt hinter dem Schwerpunkt ist...
Nun ja, offensichtlich kippt das System nicht nach hinten um, sondern Uke rotiert nach vorn.
Und so richtig ist ein Mitspringen von Uke da auch nicht erkennbar... Ok der Preis ist, daß Tori sich nach hinten bewegt,
sozusagen eine Art Impulserhaltung...
Ich kann jedenfalls keinen Fehler erkennen, wenn solcherart Physik benutzt wird ...
Deswegen ist doch da - wo es geht und klappt mit der schönen Gleichgewichtsstörung nach vorn (sei es, weil man den Arm von Anfang an gegriffen hat und tüchtig dran ziehen kann, weil Uke mitkommt, oder selbst aktiv nach vorn drängt warum auch immer) diese doch nicht falsch. Nur wenn das nicht so
einfach gelingen mag, wie in der Nage-no-Kata beim Seoi-Nage, Uki-Goshi (wegen den Schlägen u. des resultierenden Distanz- u. Greifproblems) u.
beim Tsuri-Komi-Goshi (wegen aktivem Blocken von Uke), ist es doch gut, wenn es mit dem Durchlaufen eine weitere Methode gibt, Uke doch zu werfen.