Kindertraining in Japan

Hier geht es um die Trainingsgestaltung,-methodik,-formen.
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caesar
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Kindertraining in Japan

Beitrag von caesar » 09.12.2017, 01:53

Hier ein längeres Video einer Kindereinheit an der Tsukuba Universität.
https://www.facebook.com/ijudo/videos/1 ... 436983536/

Tsukuba ist eine der Topadressen in Japan. Die deutsche Nationalmannschaft hatte unter Richard Trautmann dort ihren ersten Judotrainingsaufenthalt.

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nur_wazaari
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Training und Judo in Japan

Beitrag von nur_wazaari » 07.01.2019, 15:36

Ich sollte mich ja eigentlich auf anderes konzentrieren...bin aber beim Ablenken/Ausruhen auf Folgenden interessanten, älteren Bericht (2007) gestoßen:

http://www.vfb-langenhagen.de/index.php ... o-in-japan
Martin von den Benken über Judo in Japan

Judo - Sonstiges

Veröffentlicht: Samstag, 01. September 2007 19:09

Geschrieben von Martin von den Benken

Der hauptamtliche Lehrreferent des NJV Martin von den Benken bereiste 6 Wochen lang Japan um zu erfahren, wie und unter welchen Bedingungen im Heimatland des Judo trainiert wird. Seinen anschaulichen Bericht über diese Reise hat er uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Judo in Japan

Für jeden Judoka hat es einen ganz besonderen Reiz, einmal Japan zu besuchen. Im Mutterland des Judosports Randori zu machen, Training zu beobachten, und sich mit Sportkameraden auszutauschen, das war für mich immer ein Traum. Darüber hinaus brannten mir eine Reihe von Fragen auf der Seele, die ich gern beantwortet hätte:

Sind die Trainer wirklich so streng?
Wie werden Techniken vermittelt?
Was müssen japanische Kids für den Grüngurt können?
Wie laufen Turniere ab?
Welche Bedeutung hat die Etikette?
Wie werden Trainer ausgebildet?
Wird Judo auch für Behinderte angeboten?
Mit welchen Zielen und Inhalten trainieren in Japan Menschen, die aus dem Wettkampfalter herausgewachsen sind?
Gibt es dort auch die heftige Fluktuation bei den Mitgliedern?

Natürlich fragte ich schon vor Antritt meiner Reise andere Besucher und Kenner des Landes, aber deren Antworten fielen sehr widersprüchlich aus, weil sie in der Regel mit einer bestimmten Zielstellung im Fernen Osten unterwegs waren: Vorbereitung auf sportliche Höchstleistungen, touristische Unternehmungen, berufliche Ziele. Auch die Recherche im Internet brachte mich nicht wirklich weiter, weil zwischen Aufgeschriebenem und Veröffentlichtem auf der einen Seite und Praktiziertem auf der anderen Seite eine große Diskrepanz besteht.

So war ich sehr dankbar, als ich von meinem Verband das Angebot erhielt, sechs Wochen lang in Japan Judo zu studieren und dabei die Abläufe und Strukturen kennen zu lernen. Insbesondere sollte ich während dieser Zeit viel über die tatsächliche Judopraxis in Erfahrung bringen, um möglicherweise Ideen, Konzepte und Lösungen in die breitensportliche Arbeit in Niedersachsen einzubringen. Dank der guten organisatorischen Vorbereitung von Kurt Teller erhielt ich so manchen Einblick, über den ich im Folgenden thematisch sortiert berichten möchte. Zu berücksichtigen ist immer, dass praktisch jeder Europäer im Fernen Osten ein Kommunikationsproblem hat. Das besteht nicht nur darin, dass Japanisch eine schwierige Sprache ist und darin, dass viele Japaner es vermeiden, Englisch zu sprechen, sondern vor allem darin, dass man in Japan in vielerlei Hinsicht anders denkt und das Gedachte anders artikuliert.

1) Der Stellenwert des Judosports

Ich kam mit der Erwartung nach Japan, dass Judo dort die Sportart Nummer 1 ist und vergleichbar mit dem Stellenwert des Fußballs in Deutschland. Diese Erwartung wurde enttäuscht. Die Sportberichterstattung in den Medien und die Gespräche unter Bekannten waren bestimmt durch Baseball (mit Abstand an erster Stelle), Golf und Fußball. Selbst die Silbermedaille eines Sprinters bei der Leichtathletik WM erhielt mehr mediale Resonanz als der Medaillensegen im Judo.

Judo hat einen Stellenwert, der bei uns dem des Turnens ähnelt und lässt sich folgendermaßen umreißen:

Fast jeder hat es irgendwann mal - zumindest in der Schule - gemacht.
Es wird diesem Sport ein wichtiger Stellenwert in der Erziehung beigemessen.
Die Großereignisse (z.B. WM) gibt es auch im Fernsehen zur besten Sendezeit.
Die ganz großen Stars kennt man (zur Zeit sind dies Inoue und Tamura), die Namen der anderen einheimischen Weltmeister kennt der normale Japaner nicht. Dagegen gibt es aber viele, die ohne Probleme die Mannschaftsaufstellung der Hanshin Tigers (sind soeben Baseballmeister geworden) aufsagen können.

2) Organisation

Während Judo in Deutschland im Wesentlichen in Vereinen betrieben wird, ist das Spektrum der Judoanbieter in Japan deutlich vielfältiger. Wichtigste Vermittlungsinstanz ist die Schule bzw. die Universität. Während in der Grundschule (1. - 6. Klasse) noch kein Judo unterrichtet wird, ist es in vielen Mittel- (7. - 9. Klasse) und Oberschulen (10. - 12. Klasse) Pflicht- oder Wahlpflichtfach. Über die unterrichtliche Tätigkeit hinaus kann man Judo in AG`s vertiefen. Viele Schulen blicken voll Stolz auf ihre erfolgreiche Judoauswahl und ermöglichen diesen Schülern tägliches Training. In etlichen Universitäten wird im Rahmen des Sportstudiums der Schwerpunkt Judo angeboten. Studenten dieser Fachrichtung trainieren zweimal pro Tag (davon 2,5 Stunden Randori). In der Tokai-Universität waren es alles in allem ca. 120 Studierende, andere renommierte Institute haben ebenso viele nahezu professionell trainierende Judoka.

Ein weiteres Standbein der Judoausbildung sind die so genannten Machi-Dojos. Diese werden meist durch einen Trainer geleitet, dem die entsprechende Räumlichkeit gehört und der von seinem Judotraining lebt. Hier kommen Menschen aller Altersklassen zum Training, wobei Kinder im Grundschulalter dominieren. Es herrscht eine eher familiäre Atmosphäre. Vereine gibt es auch, die stolz darauf sind, ehrenamtlich geleitet zu sein. Meist sind sie bestehenden Dojo der Stadt, der Polizei o.ä. angegliedert und nutzen die entsprechenden Räumlichkeiten.

Schließlich wird Judo als Betriebssport in größeren Unternehmen angeboten. Auch hier ist die Motivation und Zielrichtung des Trainings unterschiedlich. Mancher Betrieb, manche Polizeieinheit hält sich semiprofessionelle Judogruppen mit erheblichem Trainingsaufwand, in anderen Betrieben trifft man sich einmal die Woche, um den Sport zu treiben, den man in der Schule lieb gewonnen hat.

Auch in Japan gibt es regionale und nationale Sportverbände, die bezüglich der Zuständigkeiten ähnlich gelagert sind, wie das in Deutschland der Fall ist. Die regionalen Zusammenschlüsse auf Ken-Ebene (Ken = Präfektur @ Bundesland) bestehen allerdings nicht nur aus Vereinen wie bei uns, sondern hier haben auch Vertreter von Schulen etc. Sitz und Stimme. Auf der nationalen Ebene gibt es neben der AJJF (All Japanese Judo Federation, entspricht dem DJB) den Kodokan, der die zentrale Instanz in Sachen Lehre, Prüfungswesen und Tradition ist. Zur Zeit werden AJJF und Kodokan noch in Personalunion geführt, worüber aber nicht alle Mitglieder glücklich sind.

Staatliche Subventionen für den Sport gibt es in Japan praktisch gar nicht. Zumindest beklagten dies einige Funktionäre, die sowohl die deutsche als auch die japanische Struktur des Sportes kennen. Stützpunkte und Leistungszentren kennt man in dieser Form nicht, kostenlose Hallen und Zuschüsse für Übungsleiter sowie Bildungsmaßnahmen werden nicht gestellt.

3) Etikette

In Deutschland wird die Etikette im Judosport in vielen Diskussionen recht hoch gehandelt. Ob Judo einen wichtigen Beitrag zur Erziehung leistet, im Sinne der Gewaltprävention wirksam ist oder den Charakter stärkt - immer wird die Etikette in der entsprechenden Begründung vertreten. Grotesk wird es immer dann, wenn es an das ‚Falsch' und ‚Richtig' dieser Rituale geht und für bestimmte Formen der Begrüßung vor dem Judounterricht ehemalige Messer und Helme der Samurai als Begründung herangezogen werden.
In Japan gibt es natürlich jede Menge Rituale, die mit Höflichkeit und Respekt zu tun haben, und vor allem die Verbeugung sieht man ständig. Aber diese Rituale praktiziert man nicht nur auf der Judomatte, sondern im gesamten Leben. Und diese Rituale sind keineswegs einheitlich, sondern in jedem Dojo unterschiedlich und den räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten angepasst. Manchmal ruft der Lehrer ‚Mokuso', manchmal der Schüler, manchmal war man in Reihe aufgestellt, manchmal im Block, manchmal nach Gürtelfarbe sortiert, manchmal nach Alter und Geschlecht. Im Kodokan begrüßte man sich vor jedem Standrandori im Knien, in der Tokai nickte man sich kurz zu.

Und auch T-Shirts und Kapuzenpullis unter dem Judogi sowie Trinkpausen zwischen den Randori und auf der Matte waren in vielen Dojo üblich. Schließlich ließ auch die Pünktlichkeit zu wünschen übrig. Häufig begann das Training mit 20 Teilnehmer, nach und nach kamen dann weitere Judoka herein und beim Abgrüßen saßen dann über 40 am Mattenrand.
Bei aller Unterschiedlichkeit der Etikette und Abläufe in einem Dojo schien es mir aber doch immer so zu sein, dass diese Formen echt waren. Sie waren gesellschaftlich verankerter Ausdruck einer inneren Einstellung und nicht erzwungen oder gespielt.

4) Trainingsablauf und Methodik

Der Ablauf der einzelnen Trainingseinheiten ist viel gleichförmiger als in Deutschland. Es wird immer am Anfang eine kurze ‚ichi - ni - san' - Gymnastik gemacht, daran schließt sich immer Uchi-Komi an und schließlich wird immer Randori praktiziert, welches immer mindestens die Hälfte der Trainingszeit in Anspruch nimmt. Variationen: In manchen Gruppen wird vor der Gymnastik gelaufen, manchmal gab es nach der Gymnastik Fallübungen und Tandoku-Renshu, manchmal nach dem Uchi-Komi Wurfübungen. Was das Training der einzelnen Zielgruppen unterschied, war lediglich der prozentuale Anteil der einzelnen Phasen des Unterrichtes.
Interessant aber auch das, was es nicht oder nur selten gab: Korrekturen, Technikerklärungen, Technikdemonstrationen von Seiten des Trainers, Spiele (ein einziges Mal habe ich ein Staffelspiel in einer Kindergruppe gesehen), Wurfübungen auf Weichbodenmatten, Musik- und Geräteeinsatz.

Hier schließt sich nun folgerichtig die Frage an, wie denn Technikvermittlung funktioniert, wenn nicht erklärt und vorgezeigt wird. Meine Beobachtungen und Befragungen ergaben folgendes Ergebnis:

In den ersten zwei bis drei Monaten gibt es im Anfängertraining in den meisten Dojo eine intensive Anlernphase, in der die Neuen in kleinen Gruppen von mehreren Trainern angeleitet werden (Schüler - Lehrer Verhältnis: 3 zu 1). Sie lernen hier nicht nur die Haltegriffe, Fallübungen und erste Formen des Werfens, sondern werden auch mit den gängigen Übungsformen vertraut gemacht.
Kinder- und Erwachsenentraining findet in der Regel nacheinander statt. Die Erwachsenen treffen häufig schon während des Kindertrainings ein und machen bei Uchi-Komi und Randori mit. Über dieses gemeinsame Üben von Anfängern und Fortgeschrittenen wird viel vermittelt. Das gilt im übrigen nicht nur für Techniken, sondern auch für Übungsformen und Einstellungen. Reine Kinderdojo sah ich seltener, diese hatten aber deutlich mehr Disziplinprobleme.
Gelernt wird durch das praktische Tun.

Es werden in den ersten Jahren der Judoausbildung nur sehr wenige unterschiedliche Techniken geübt. Neben den Grundhaltegriffen und den Fallübungen ein Wurf nach vorn und einer nach hinten. "Bei uns werden in den ersten drei Jahren nur O-Soto-Gari und Seoi-Nage geübt. Wenn die richtig sitzen, vermittelt sich der Rest ganz schnell," meinte ein Trainer zu dieser Problematik. Vergleichbar ist es in allen Dojo, wobei jeweils leichte Unterschiede bestehen. So wird im Kodokan sehr viel wert auf Fußtechniken gelegt, weshalb De-Ashi-Barai und Sasae-Tsuri-Komi-Ashi im Programm sind. In der Tokai wird sehr viel mit Innensicheln gearbeitet, und in einem anderen Dojo lehrte man noch Uki-Goshi zu den beiden Grundwürfen.

Zwei Dinge gefielen mir beim Training in japanischen Dojo besonders gut. Was mich gleich bei meinem ersten Besuch in einem japanischen Dojo in Erstaunen versetzte, war, dass sich das Verhältnis von Lehrer zu Schüler ganz anders gestaltete, als ich erwartet und durch vielerlei Berichte übermittelt bekommen hatte. Erwartet hatte ich, dass dieses Verhältnis geprägt ist von Strenge und Autorität auf der einen Seite sowie Gehorsam und Disziplin auf der anderen Seite. Zwar gab es diese Verhaltensweisen, viel tonangebender war aber etwas anderes. Auf Seiten des Lehrers war dies eine aufmerksame, freundliche und fast liebevolle Zuwendung zum Schüler: keine lauten Worte, selten Strafen, positive und konstruktive Rückmeldungen durch kleine Gesten und kurze Worte. Er war sich offensichtlich der Bedürfnisse der Schüler jederzeit bewusst, ohne ihnen aber ständig nachzugeben. Die Schüler beantworten dies mit Aufmerksamkeit, Eifer beim Üben und dankbarer Annahme der Hinweise. Insgesamt ergab das eine absolut konstruktive Unterrichtsatmosphäre. Und das, obwohl sich Trainingsinhalte und -formen ständig wiederholten und sich so ein in unseren Augen eintöniger und phantasielos gestalteter Unterricht ergab.
Erstaunt war ich auch darüber, das die Formel ‚jeder übt mit jedem' in Japan nicht nur ein Lippenbekenntnis ist. Es übte tatsächlich jeder mit jedem, Große mit Kleinen, Alte mit Jungen und im koedukativen Unterricht auch Männer mit Frauen. Und man tat das nicht nur klaglos, sondern offensichtlich gern und mit Gewinn. Es war eine absolute Selbstverständlichkeit, kein Trainer brauchte darauf hinzuweisen oder gar Zwangsmaßnahmen anzudrohen. Zwei Faktoren trugen dazu bei: Erstens war es sowieso nicht üblich, einen Partner zu wählen, meist fiel den Übenden per Organisationsform ein Partner zu. Außerdem konnte sich jeder absolut darauf verlassen, dass auch der körperlich Überlegene das Wohl seines Gegenübers nicht aus dem Auge verliert. Jeder bemühte sich so zu trainieren, dass es beiden Spaß macht.

5) Ausbildungs- und Prüfungsordnung

Eine Ausbildungs- und Prüfungsordnung im Bereich der Kyu-Grade fehlt in Japan völlig. Jedes Dojo regelt die Graduierung bei Schülern selbst. Große Ausbildungsstätten haben ihre eigenen Vorstellungen niedergeschrieben, andere machen das eher nach Gefühl, Tradition und Meinung des Dojoleiters. Dabei sind nicht nur Inhalt und Form (leider habe ich keine Prüfung erleben dürfen, kann darüber also nicht authentisch berichten) der Prüfung unterschiedlich, sondern auch, welche Gürtelfarben es überhaupt gibt. In manchen Dojo gibt es nur Weiß- und Schwarzgurte, in anderen kommt der Grüngurt dazu, manche haben weiß, gelb und schwarz, wieder andere weiß, braun und schwarz, häufiger gibt es alle fünf Farbgurte. Meist (aber auch nicht immer) sind Farbgurte den Grundschülern vorbehalten, ältere Anfänger werden gleich von weiß auf schwarz geprüft. Nachfragen im Kodokan ergaben, dass diese Vielfalt der Ausbildungswege nicht als Manko, sondern als Bereicherung gesehen wird.
Zwei Ausbildungs- und Prüfungsordnungen liegen mir vor. Interessant ist, dass hier die Techniken nur einen Teil des Ausbildungsprogrammes ausmachen. Genauso wichtig sind das Demonstrieren von Übungsformen (Randori, Uchi-Komi) sowie Kampf und Kampfregelkenntnis.

Zentral vom Kodokan geregelt sind die Dan-Prüfungen. Allerdings bestehen auch hier gravierende Unterschiede zum deutschen System. Grundsätzlich orientiert man sich bei den Graduierungen mehr am Kampf und weniger an der Technik. Im Mittelpunkt stehen Turniere, bei denen eine bestimmte Anzahl von Siegen zu erringen ist und die extra zum Zwecke der Graduierungen ausgeschrieben werden. Außerdem muss Kata demonstriert werden, für den ersten Dan die ersten drei Gruppen, für den zweiten die gesamte Nage No Kata. Mindestalter für den ersten bzw. zweiten Dan sind 14 bzw. 16 Jahre (vgl. hierzu: www.kodokan.org).

6) Trainerausbildung

Eine Übungsleiter-Ausbildung im Sinne des DSB gibt es in Japan nicht. Qualifikation für die Leitung eines Dojo ist eine hohe Graduierung (mindestens 5. Dan), Qualifikation für die Durchführung von Training ist der Auftrag des Dojoleiters.

Trotzdem gibt es ein Ausbildungswesen, über das sich Trainer weiterbilden können. Zunächst hält der Kodokan eine breite Palette zentraler und regionaler Lehrgänge ab, die zur Verbesserung von Kata und Technik dienen. Beispielsweise gibt es auch eine Art ‚Sommerschule', bei der man eine Woche lang bei hochgraduierten Lehrern trainieren kann. Darüber hinaus bietet die AJJF eine Trainerausbildung an, die einmal pro Jahr stattfindet. Hier haben vierzig Judoka (pro Ken einer) eine Woche lang die Möglichkeit, sich wettkampfsportlich weiterzubilden. Inhalt und Umfang sind vergleichbar mit unserer Trainer B Ausbildung. Darauf aufbauend, gibt es alle zwei Jahre eine Ausbildung für solche Trainer, die Auswahlmannschaften leiten. Schließlich wird bei Bedarf auch eine Schulung für Nationaltrainer abgehalten.

Ein großer Teil des Judounterrichtes in Japan wird allerdings von studierten Trainern gehalten. Training in den Schulen, Universitäten und einem Großteil der Betriebe wird von ausgebildeten Sportlehrern geleitet, die Judo als Schwerpunkt ihres Studiums gewählt hatten. (vgl. Absatz 2).

7) Breitensport und Leistungssport

In Deutschland entwickeln sich Freizeit- und Leistungssport immer weiter auseinander. Dass Kinder in einem Anfängerkurs und Wettkämpfer am Bundesstützpunkt dieselbe Sportart betreiben, erkennt man nicht mehr an den Trainingsinhalten, sondern nur noch am Equipment. Das ist in Japan anders. Alle Judoka vom Anfänger bis zum Weltmeister, vom Vorschulkind bis zum 70jährigen, machen in jedem Training Gymnastik, Uchi-Komi und Randori. Auch die trainierten Techniken sind hier wie dort dieselben. Schon beim Übersetzen der Begriffe Breitensport und Leistungssport in das Japanische gibt es Probleme. Unterscheiden die Japaner denn gar nicht? Doch, aber weniger augenfällig und anders.

Japaner lassen sich nicht gern auseinander dividieren. Auf die Frage, ob in diesem Dojo eher breitensportlich oder wettkampfsportlich trainiert wird, sieht man zunächst ein großes Fragezeichen in den Augen des Gegenüber und hört dann eine Antwort wie: "Hier wird Judo trainiert." Und wenn ich die Ziele des Trainings wissen wollte (Wettkampferfolg oder Gesundheit/Spaß), dann äußerte sich der Japaner ebenso vage: "von jedem etwas."
In Gesprächen mit Trainingsteilnehmern wurden dann aber Unterschiede in der Motivation der einzelnen recht deutlich. Es gab sehr viele, denen ein Wettkampferfolg herzlich egal, dafür aber beispielsweise der Spaß oder die Beschäftigung mit einem Teil japanischer Tradition wichtig war. Für andere war der Wettkampferfolg alles. Diese unterschiedlichen Intentionen spiegelten sich auch in der Trainingsatmosphäre wider.
In tiefer gehenden Gesprächen mit Trainern und Funktionsträgern wurde eine Trennungslinie deutlich. Beklagt wurde von Seiten im Katawesen Lehrender, dass einige Dojo (gemeint waren hier offensichtlich die großen Universitäten) zu wettkampforientiert (competetiv) trainierten und darüber der erzieherische (educational) Aspekt des Judo vernachlässigt würde. Unterrichtet der Trainer eher competetiv oder educational, das ist die Frage, an der sich Geister scheiden. Allerdings nicht so grundlegend wie in Deutschland; denn würde man einen japanischen Trainer fragen, mit welcher Zielsetzung er trainiert, antwortet der garantiert: ‚Mit beiden.'

8.) Wettkämpfe

Außer der WM schaute ich mir 3 Wettkämpfe an: Die nationalen Studenten- Meisterschaften, die Stadtmeisterschaften von Tokio für Mittelschulmannschaften und ein großes regional ausgeschriebenes Turnier für Kinder. Die nationalen Studentenwettkämpfe waren vergleichbar mit unserer Deutschen Meisterschaft und außer dem Niveau und ein paar mehr Zuschauern gab es keine großen Unterschiede. Die regionalen Turniere aber wiesen doch einige Unterschiede auf zu unserer Form der Wettkampfausrichtung.

Es gab kein Wiegen. Die Kämpfer wurden schon mit Gewicht gemeldet, vor Beginn des Turniers waren die Listen schon geschrieben. Jeder Teilnehmer und Zuschauer bekam ein Programmheft, in dem die Listen schon enthalten waren.
Die Listenführung erfolgte für alle sichtbar auf einer riesigen Liste, die an einer Stellwand neben dem Tisch angepinnt war.
Es wurde immer mit einfachem KO-System ohne Trostrunde gekämpft.
Es gab ein unglaubliches Gedränge in der Halle. Beispielsweise waren bei der Mittelschulmeisterschaft in der ca. 600 m² großen Haupthalle des Kodokan ca. 300 Wettkämpfer plus (wenige) Betreuer und (viele) Funktionsträger.
Sicherheitsflächen gab es nicht, zumindest nicht zwischen den Wettkampfflächen. Die normalerweise vier Wettkampfflächen des Kodokan wurden bei besagtem Turnier mit Klebeband in sechs Flächen verwandelt. Wobei aber die roten und grünen Matten im ursprünglichen Muster aufgebaut blieben.
Wegen des großen Gedränges saßen die Zuschauer auch direkt am Mattenrand.
Im Gegensatz zu diesem unkonventionellen Umgang mit den räumlichen Gegebenheiten gab es auch sehr förmliche Umstände: Viele Reden vor Beginn der Meisterschaft, ein Athletenschwur, wie wir ihn von der Olympiade kennen, alle Kampfrichter mit Krawatte, viele Verbeugungen in Richtung der Offiziellen.
Die Siegerehrung verlief kurz und sehr schnell: Die ersten acht wurden gleichzeitig aufgerufen, acht Funktionäre standen mit den Präsenten bereit. Verbeugung - Übergabe - Verbeugung und Abtreten.

9) Behindertensport

Auch in Japan wird Judo für Behinderte angeboten, vor allem für Sehgeschädigte, aber auch für geistig und körperlich Behinderte. Die ca. 1000 Sehgeschädigten Judoka sind in einem eigenen Verband organisiert, der Japan Visually Handicaped Judo Association (JVHJA), die allerdings sehr eng mit der All Japan Judo Association zusammenarbeitet. Die meisten dieser Judoka trainieren in normalen Clubs und Dojo, aber auch in den Einrichtungen für Blinde. Es finden regelmäßig Wettkämpfe statt, und es gibt eine 8köpfige Nationalmannschaft, die sich dreimal pro Jahr zu Wochenendlehrgängen trifft.

Über alle anderen behinderten Judoka gibt es keine Zahlen und konkreten Informationen, weil sie nicht so gut organisiert sind. Es gibt auch keine Wettkämpfe und Lehrgänge für diese Zielgruppen.
Ich hatte Gelegenheit, Herrn Oshikubo kennen zu lernen. Er war vor ca. 10 Jahren Sieger beim Paralympics Wettbewerb der Sehgeschädigten und leitet heute ein Machi Dojo am Rande Tokios. In seinem Dojo (‚Das einzige, das von einem Behinderten geleitet wird') trainieren mit den Nichtbehinderten auch einige sehgeschädigte und geistig behinderte Judoka integrativ. Sehr erstaunt war ich, als ich auf einen geistig behinderten Danträger aufmerksam wurde. Herr Oshikubo erklärte daraufhin, dass es ein längerer Diskussionsprozess im Vorstand des Landesverbandes war, weil ja diese Menschen nicht alles können und vor allem es sich nicht merken können. Man habe sich aber schließlich dazu entschlossen, dass man bei der Demonstration der Kata so vorgeht, dass ein Paar nicht behinderter Judoka parallel zu den Behinderten wirft. So haben die behinderten Prüflinge eine Erinnerungshilfe und die Möglichkeit, sich immer zu orientieren.

10) Fazit

Viele Fragen blieben unbeantwortet, vor allem die nach neuen Konzepten und Ideen. Die Japaner trainieren nicht neu, und trotzdem kommen viele Leute ins Dojo, auch Jugendliche und Erwachsene. Wenn ich solch ein Training in Deutschland anbieten würde, käme bald keiner mehr. Hier sind die Situation des Judosportes und die Mentalität der Völker in unseren beiden Länder einfach zu unterschiedlich, als dass man etwas einfach transferieren könnte.
Viele Erfahrungen werden erst nach einer längeren Zeit wirklich fruchtbar verarbeitet sein. Zum Beispiel die Erfahrung, dass die Japaner so viel wiederholt haben. Wie können wir ebenso hohe Wiederholungszahlen und damit eine ebensolche Genauigkeit und Schnelligkeit in der Technikausführung erreichen und trotzdem abwechslungsreich arbeiten?

Manche Erfahrung schlägt sich möglicherweise in einer veränderten Einstellung nieder. So die Erfahrung, wie die Japaner bei Meisterschaften mit Mattenbegrenzungen umgehen oder wie sie ihre Kyu-Graduierungen handhaben. Weniger Reglement und mehr Aufmerksamkeit auf Ziel und Sinn wird ein solche Änderung sein. Ebenso die Erfahrung, dass Freizeit- und Leistungssport nicht so weit auseinander driften sollten.
Für meine konkrete Trainingspraxis gibt es aber doch wenigstens zwei Dinge, die ich auf Grund meiner Erfahrungen verändern werde:

Das Motto ‚Jeder macht mit Jedem' werde ich wieder verstärkt durchsetzen und zwar nicht mit Druck und Zwang, sondern durch Organisationsformen, die keine andere Wahl lassen. Und durch das Achten darauf, dass sich der Schwächere sich darauf verlassen kann, dass er pfleglich behandelt wird.
Technikvorführungen, -erklärungen und -korrekturen dürfen nur einen wirklich kleinen Teil des Trainings ausmachen. Im Mittelpunkt steht das selbsttätige Machen, Ausprobieren, Erfahrungen sammeln. ‚Erziehung ist wie ein Duft' sagte ein japanischer Meister, und ebenso soll der Einfluss des Trainers auf seine Schüler sein: sanft und angenehm.
Editierungen an eigenen Beiträgen meinerseits geschehen nur um die Rechtschreibung zu verbessern oder dann gekennzeichnete "Nachträge" einzufügen.

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Re: Kindertraining in Japan

Beitrag von Patrick-Oliver » 07.01.2019, 16:48

Danke, nur_wazaari.
Ich lese seit einiger Zeit deine Beiträge und lese sie tatsächlich gerne!

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nur_wazaari
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Danke aber...

Beitrag von nur_wazaari » 07.01.2019, 19:02

...damit keine Missverständnisse aufkommen: Der zitierte (Haupt-)Beitrag oben ist natürlich nicht mein eigenes geistiges Eigentum, sondern von Martin von den Benken aus dem LV NS verfasst worden. Ich weiß, dass ihr Leser/innen ja nicht blöd seid, steht ja auch alles da und ist von mir auch als Zitat eingefügt worden. Aber nur zur Sicherheit möchte ich das dennoch angemerkt haben.
Editierungen an eigenen Beiträgen meinerseits geschehen nur um die Rechtschreibung zu verbessern oder dann gekennzeichnete "Nachträge" einzufügen.

HBt.
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Deutschland?!

Beitrag von HBt. » 08.01.2019, 10:07

Und wie sieht heute, im Jahr 2019, das 'KINDERTRAINING' (in Deutschland) aus - wird gestaltet?

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