Übrigens:
Daigo zeigt in den japanischen Originalen seiner Bücher - außer "sportlichen" De-ashi-harai - nur eine Zeichnung eines Fußfegers. Mit kurzen Jackenärmeln stehen sich zwei Krieger gegenüber und zeigen einen Fußfeger, den ich als Judolehrer meiner heutigen Schüler nicht als ausreichend ansehen würde, um sie bei der Prüfung zum weiß-gelben Gürtel bestehen zu lassen (Tritt gegen die Wade, krummes Fegebein, abgebeugter Oberkörper, schlechtes Timing...).
Leider kann ich kein Japanisch, so dass ich auch nicht lesen kann, was Daigo als Kommentar dazu schreibt! Vielleicht will er ja dasselbe sagen, wie ich????????
Lieber Ulrich, warum entwertest du deinen ansonsten recht guten und erstaunlich offenherzigen Beitrag durch solche Spekulationen?
Es gibt sehr viel mehr Abbildungen von Fußfegetechniken der Koryû als jene, die man in Daigos Buch sieht.
Was du offenbar weder verstanden hast noch hören willst - Aussagen wie diese:
Mit kurzen Jackenärmeln stehen sich zwei Krieger gegenüber und zeigen einen Fußfeger, den ich als Judolehrer meiner heutigen Schüler nicht als ausreichend ansehen würde, um sie bei der Prüfung zum weiß-gelben Gürtel bestehen zu lassen (Tritt gegen die Wade, krummes Fegebein, abgebeugter Oberkörper, schlechtes Timing...).
...triffst du schon wieder ausschließlich aus der Sichtweise eines Sportlers.
Das angeblich "schlechte Timing" kannst du gar nicht beurteilen, da du die Technik in dieser Form noch nie gesehen, geschweige denn ausgeführt hast.
Du pauschalisierst - und zwar ausschließlich aufgrund deiner Erfahrungen mit dem Judo-SPORT.
Du übersiehst auch, daß es in den Koryû NICHT darum ging, irgendeine Gürtelprüfung zu bestehen - du urteilst (und das nehme ich dir übel!) ohne grundlegende Kenntnisse über etwas, daß so ähnlich aussieht wie das, was du kennst.
Auch wenn ich das bereits mehrfach erlärt habe: du übersiehst großzügig, daß der Begriff "guter Schüler" in den Koryû ein Synonym war für "Überlebender".
Du übersiehst (oder ignorierst), daß die Techniken und Prinzipien der Koryû schon immer der Überprüfung durch den Ernstfall unterworfen waren.
"Fehlerhafte" Techniken und mißverstandene Prinzipien führten (unweigerlich) zum Tode dessen, der diese Fehler beging.
Dies darf man doch wohl als ultimatives Korrektiv betrachten - oder bist du da anderer Meinung?
Damit wird auch Tutors Bemerkung hinfällig:
Trainingsmethodisch steht uns aber heute aber ein wesentlich größeres Methoden-Repertoire zur Verfügung als den Koryu. Dasselbe gilt auch für biomechanische Analysen. Aus diesem Grund ist es sehr gewagt, zu behaupten, in der Zeit vor Kano (!) wäre (methodisch) effektiver trainiert worden.
Ich wiederhole es: das Schlachtfeld war das ultimative Korrektiv.
Gewiß stehen uns heute "wissenschaftliche" Methoden zur Verfügung, die viiiieeeel besser sind - denken wir gern.
Es muß jedoch die Frage erlaubt sein, wie viel Erfahrung in der methodischen Weitergabe der Lehrinhalte der Koryû diese deine Meinung stützt?
Und nur, weil vor bspw. 400 Jahren ein anderes Vokabular benutzt wurde, heißt das doch nicht, daß die damals empirisch gewonnenen Erkenntnisse wertlos seien oder jedenfalls weniger wert als das, was wir heute wissen ...
Im heutigen Wettkampfjudo werden die Techniken so trainiert, dass sie im heutigen Wettkampfjudo effektiv eingesetzt werden können
EBEN.
Und daraus ergibt sich doch wohl der zarte Hinweis, daß Leute, die sich nur mit diesem Wettkampfjudo auskennen, auch bitte diesen Terminus verwenden sollten.
Jûdô ist, folgt man dem Gründer, nämlich ALLES ANDERE als ein "Wettkampfsport". Mithin wäre es schön, wenn Vertreter dieses Wettkampfsports wie etwa Ulrich Klocke (der ja auch offen zugibt, daß andere Gebiete des Jûdô ihm nicht so wichtig sind) damit aufhören würden, Pauschal-Aussagen zu treffen, die zwar möglicherweise richtig für den wettkampfsport sind, aber NICHT für das Jûdô insgesamt zutreffen.
Wenn wir uns darauf einigen könnten, wäre das sämtlichen Debatten sehr zuträglich, denke ich.
Lieber Ulrich, du schreibst:
Ich tue mich auf der Grundlage meiner Erfahrungen (mit ziemlich wenig Waffentraining) schwer damit zu glauben, dass man z.B. aus dem Üben mit Waffen Vorteile für das Verhalten im Judo als Wettkampfsport gewinnen kann. Auch den umgekehrten Weg halte ich für kaum einsehbar.
Genau dies ist ein Beispiel für das, was ich weiter oben schrieb: du GLAUBST. Oder glaubst eben nicht. Nun gründet sich dieser Glaube (oder diese Meinung, wenn dir das lieber ist) aber eben nicht auf Erfahrung im Umgang mit Waffen, sondern ... worauf doch gleich nochmal?
In den Koryû gilt (und das werden dir alle bestätigen können, die sich tatsächlich damit beschäftigen): das Training mit Waffen ermöglicht überhaupt erst das wirkliche Verständnis der "waffenlosen" Bewegungen. Dem hast du nichts entgegenzusetzen als deine bloße Überzeugung, es sei NICHT so ...
Das ist wirklich sehr schade. In den FMA beispielsweise wird von jeher so verfahren (und es handelt sich dabei NICHT um "moderne" Kampfkünste"), daß man sich mit den "waffenlosen" Techniken nicht befassen KANN, ehe man nicht die Waffen gemeistert hat. Das "Dumog" genannte Ringen in den FMA kommt in der Ausbildung so ziemlich zum Schluß ... und nie, ohne daß man vorher wirklich gelernt hat, die Waffen zu handhaben.
In den chinesischen Stilen, die nicht dem sportlichen "Blumen-Kung-Fu" zuzuordnen sind, ist es ebenso.
Okinawa, Taiwan: ebenso.
Kano hat zwar die Wertigkeit von Waffentraining und waffenlosen Techniken im Gegensatz zu den Koryû vertauscht - das aber ändert doch nicht das Geringste daran, daß Waffentraining das Taiho-Jutsu (also das waffenlose Kämpfen) entscheidend verbessert.
Solltest du je die Gelegenheit haben (und ich biete dir das ganz ernsthaft an!!), dich mit den Koryû intensiv zu befassen, wirst du verstehen, was ich meine.
Und, lieber Tutor, auch wenn du nicht mit mir übereinstimmst:
Wurftechniken, die in den Koryû weitergegeben wurden, kamen ausschließlich in Kämpfen auf Leben und Tod zum Einsatz.
Wurftechniken im Judo-Sport aber (man bemerke bitte, daß ich nicht mehr "Sportjudo" schreibe) haben nun mal nicht das Ziel, den sportlichen Kontrahenten zu töten oder zu verkrüppeln (wäre ja auch schlimm).
Was glaubst du nun - welche Art von Wurftechniken MUSS effektiver sein?
Dem Sportler, der in einem Wettkampf eine Wurftechnik erfolglos ansetzt, geschieht nichts Schlimmes (außer zufälligen, unbeabsichtigten Verletzungen)
Dem Krieger, der eine Wurftechnik in der verzweifelten Situation des Yoroi Kumi Uchi ansetzte und dem dies mißlang, ging es ans Leben ...
Unter diesem Aspekt betrachtet, erübrigt sich doch wohl die Frage danach, wer wirklich werfen können MUSSTE.
Und Kano war (dies bestätigen seine Zeitgenossen) sogar in der Lage, solche Wurftechniken zu adaptieren und sie (in gewissen engen Grenzen) sogar noch effektiver einzusetzen.
Ohne seine Erfahrungen in den Koryû wäre das nicht möglich gewesen.
Tutor schreibt:
Im heutigen Wettkampfjudo werden die Techniken so trainiert, dass sie im heutigen Wettkampfjudo effektiv eingesetzt werden können. Allerdings wird auch trainiert, wie man sich dagegen verteidigen kann - deswegen klappt es nicht immer. Außerdem gibt es bessere und schlechtere Trainer und Kämpfer.
In den Koryu wurden die Techniken so trainiert, dass sie in den Situationen einsetzbar waren, für die sie damals gedacht waren.
Techniken klappen also heute nicht so gut, weil die Leute Verteidigungen dagegen erlernt haben?
Hm, da frage ich mich doch, WAS in den Koryû nun eigentlich gelehrt wurde. Verteidigungen gegen die üblichen Angriffe scheinen es nicht gewesen zu sein - was habe ich denn dann in den vergangenen Jahren eigentlich geübt ...?
Spaß beiseite: auch in den Koryû gab es "bessere und schlechtere" ... Schüler.
"Meister" wurde man NIE durch "Prüfungen" oder Ernennungen, sondern einzig und allein durch Können.
Und dieses wiederum war der täglichen Überprüfung unterworfen - auf den Schlachtfeldern der Sengoku-Jidai-Zeit etwa oder in der Azuchi-Momoyama-Periode ... oder in den Duellen auf Leben und Tod in den Taryu Shiai ...
Das bedeutet, daß die Lehrer über ein enorm hohes Wissen und Können verfügten - das sie in praxi erworben hatten.
Wie gesagt, wer da Fehler machte, war ganz einfach ganz schnell tot.
Schlechte Schüler fielen also in kürzester Zeit dem gegnerischen Schwert anheim.
Gute auch, wenn sie auf einen besseren Gegner trafen ...
Folglich trainierte man (schon aus Selbsterhaltungstrieb, der den Samurai im Gegensatz zu dem, was uns alberne Filme weismachen wollen, durchaus eigen war!!) mit absoluter Hingabe.
Und eines steht (jedenfalls für mich) fest: wenn das eigene Leben davon abhängt, ob ich in der Lage bin, einen (bewaffneten) Gegner zu werfen, dann weiß ich, daß ich verdammt hart trainieren muß - und daß ich es KÖNNEN muß, wenn ich weiterleben will. Und daß ich mich dabei nicht von irgendwelchen sportlichen Regeln einengen lassen kann ("verbotene Faßart" usw.).
Und genau deshalb denke ich (wer mag, darf anderer Meinung sein), daß man den Eleven der Koryû zugestehen muß, daß sie weitaus besser werfen konnten, als Sportler das heute können.
Mag sein, daß diese Samurai nach den strikten Regeln des heutigen Judosports auf der Wettkampfmatte "verlieren" würden (bspw. durch "Passivität"), aber ich denke, daß trotzdem jedem klar sein sollte, welche Art des Werfens effektiver ist.
Und Kano läßt in seinen Texten NIRGENDS erkennen, daß und warum er die Effektivität der Wurftechniken der Koryû schmälern wollte.
Im Gegenteil, er suchte nach Wegen, diese Dinge NOCH effektiver zu machen.
Kann man nachlesen.
Damit ist von meiner Seite aus eigentlich alles gesagt.
Tom
PS: Lieber Ulrich, die Ärmel der damals üblichen "Alltagsjacken" waren entweder (je nach "Modell") tatsächlich kurz oder wurden (bspw. für Duelle oder im Training hochgebunden ...
UND: erwiesenermaßen trainierte man IMMER in Alltagskleidung.
ES GAB KEINE EXTRA TRAININGSBEKLEIDUNG FÜR DIE AUSÜBENDEN DER RYUHA!!!
Also hör doch bitte endlich auf, zu behaupten, es habe "Jiu Jitsu-Jacken" gegeben ...
Und noch etwas, wenn wir schon dabei sind: Tai-Otoshi gab es (auch unter diesem Namen!) als reinen Handwurf in etlichen Ryû. Hätte sich dieser Wurf "erst richtig entwickeln können, nachdem Kano die Ärmel der alten Jiu Jitsu-Jacken verlängerte" (was du ohne Quellenangabe nun schon mehrfach behauptet hast) - WIE hätte diese Wurftechnik dann Eingang in das Curriculum etlicher Koryû finden können??
In den Koryû wurde NUR gelehrt, was effektiv war (siehe das Korrektiv der Schlachtfelder).
Also bitte ...!
T.