Judo in der Gewaltprävention ?!?

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Christian
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Judo in der Gewaltprävention ?!?

Beitrag von Christian » 11.02.2004, 15:27

Was sagt ihr zu diesem Thema. Gibt es Eurer Meinung nach Möglichkeiten Judo in der Gewaltpräventation einzusetzen?
In wie weit hat ein Trainer / ÜL überhaupt die Möglichkeiten oder auch die Verpflichtung auf diesem Gebiet etwas zu machen.

Bin auf Eure Meinung gespannt.
schöne Grüße
Christian

ralf
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Beitrag von ralf » 11.02.2004, 16:15

Ich denke, dass jemand, der sich ernsthaft mit Judo beschäftigt, mit der Zeit schon eine ablehnende Haltung gegenüber Gewalt bekommt, wenn diese Einstellung nicht schon von Anfang an vorhanden war.
Ich weiß aber nicht, ob man Judo gezielt zur Gewaltprävention einsetzen kann.

Die prinzipielle Frage dabei ist, was Ursache und was Wirkung ist.
Eine Möglichkeit:
Ursache: Judo verändert den Charakter in Richtung pazifismus (mal extrem ausgedrückt)
Wirkung: Man Findet im Judo nur wenige "Hau-Drauf-Typen"
Die andere Möglichkeit:
Ursache: Judo ist ein "friedlicher" Sport
Wirkung: "Hau-Drauf-Typen" kommen garnicht erst.

Ich glaube nicht, dass ein Trainer in der Richtung irgendwelche Verpflichtungen hat, außer natürlich, dass er gegen jede "Hau-Drauf-Mentalität auf der Matte vorgehen sollte, was ja hoffentlich auch außerhalt des Dojos weiter wirkt.
2. Kyu Judo
1. Judo-Sport-Club Marburg e.V.

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Fritz
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Beitrag von Fritz » 11.02.2004, 23:54

Ich auch tendiere mehr zu der zweiten Möglichkeit... :wink:
Richtige Schlägertypen brauchen keinen Kampfsport und
könnten sich eh nicht in einen Trainingsbetrieb
ein- und unterordnen...

Für die beste "Gewaltprävention" halte ich es immer noch, die
Leute aus der Opferrolle zu führen... Also SV...

Liest man bei Yahoo die Nachrichten über (versuchte) Vergewaltigungen,
dann gingen meist die Situationen glimpflich ab, wo
das "vermeintlich leichte" Opfer sich gewehrt hat.
Gewaltprävention im Sinne von
"pädagogisch" auf Täter einzuwirken, halte für ich eine
gesellschaftliche Fehlentwicklung... (neustes Beispiel ist die Ermordung
eines deutschen Sozialarbeiters (63J.) durch
einen deutschen Jugendlichen (15J.), wo: in Griechenland - Stichwort
"Erlebnispädagogik" :cry:)
Mit freundlichem Gruß

Fritz

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Dirk
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Beitrag von Dirk » 12.02.2004, 09:36

Ich halte es hier mit meiner Meinung wie es mein damaliger Jugendtrainer gesagt: 'Gewaltbereite Schlägertypen gibt es im Judo nicht. Die verliehren mit der Zeit die Lust weil der Sport für die zu langweilig ist.' Bin also ganz Eurer Meinung.

Die Stärke des Judo in der Gewaltprävention sehe ich, ich denke genau wie Fritz, darin, dass durch die Steigerung des Selbstbewusstseins man sich nicht mehr so schnell in die Opferrolle drängen lässt. Also greife ich hier die schon oft angeführte Charakterbildung auf.

Eine direkte Aufgabe des Trainers sehe ich jedoch nicht. Diese Charakterbildung, die Stärkung des Selbstbewusstsein sollte bei einem anständigen Training von ganz alleine wachsen; beim Randori anheizen, unterstützen, an die Leute glauben und es ihnen zeigen, Ängst nehmen... DIE AUFGABE die der Trainer jedoch hat liegt auf der Hand, auch die nötige rationelle Entwicklung fördern: 'Gewalt ist keine Lösung'.
Särs,
Dirk

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juergen
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Beitrag von juergen » 17.02.2004, 23:54

Ich finde, der ralf hat den Nagel voll getroffen, auch die anderen haben sehr recht.

Schläger gehen eher zu Sportarten, bei denen man schnell lernt, dem Gegenüber die Nase einzuschlagen "Ey, isch kann Kickbox!"

Ist auch attraktiver, nach 1 Jahr Teakwondo oder Kickboxen hast Du soviel gelernt, daß Du genug Schlagkraft für eine Kneipenschlägerei hast (oder glaubst zu haben).
Eigene Erfahrung.

Beim Judo kommen vermutlich mehrere Effekte zum Tragen:
- Weniger Gewaltbereite Typen.
- Langes Judotraining unter dem Gesichtspunkt "Entwicklung des Partners und dessen Gesundheit fördern" (sensu Kano) fördert sicher nicht die Gewaltbereitschaft ausserhalb des Dojo.
- Ein langjähriger Judoka, der weiß, daß Er auf der Matte nach Regeln kämpfen kann, entwickelt meist genug Selbstvertrauen, um sich nicht auf Schlägereien einlassen zu müssen, um sich zu beweisen. Das "strahlt nach außen ab", die Opferrolle ist nicht mehr da. Das braucht aber einige Jahre. Meine Theorie, muß nicht richtig sein.
- Ausnahmen gibts auch beim Judo: Danträger, Wettkämpfer, die in der Umkleide von Ihrem gelungenen Seoi- nage in der Disco am Wochenende erzählen. Traurig. "Wir" Judoka stehen nicht über den Dingen.

Prügeleien entstehen oft durch atavistische Verhaltensweisen, wir sind halt mehr Tier, als wir das oft wahrhaben wollen.
Direkter Augenkontakt wird oft als Provokation empfunden. Zurückstarren und sich groß machen ist eine Kampfansage. Wegschauen und sich denken "Junge, das brauche ich nicht..." reicht oft als De- Eskalationssignal aus. Wer sich regelmäßig auf der Matte nach Regeln mißt, braucht sich hierbei nicht feige zu fühlen.

Das gilt jetzt nicht für Frauen in der "Opferrolle", hier geht das um - naja ich nenn das hier mal "Revierverhalten unter Männchen".

Frage an die Frauens: Gibt´s sowas auch bei den "Weibchen" mit Körpereinsatz, oder läuft hier die Aggression über andere Wege?
Das würde mich ja interessieren.

Ich denke, daß kriminelle Handlungen wie Überfall zwecks Geldbeschaffung oder Vergewaltigung zu komplex sind, um in dieser Diskussion behandelt zu werden und den Rahmen sprengen würden, hierfür wäre vielleicht bei Bedarf ein eigener Diskussionsstrang angebracht?

@Fritz: Auch die "Erlebnispädagogik" sollte nicht aufgrund eines spektakulären Einzelfalles verdammt werden. Das ist Polemik.

Pädagogen, und im weitesten Sinne ist das jeder ÜL auf der Matte, können durch Ihr Vorbild auf der Matte gerade bei Kindern viel positives bewirken.
Eine Frage ist es, wie wir das angehen.
Was macht Ihr bei "Gewalt unter Kids" auf der Matte?
Schöne Grüße vom juergen
1.Kyu

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Christian
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Beitrag von Christian » 18.02.2004, 00:54

Schließe mich den oben genannten Meinungen an.
Aber man muss ja nicht immer von der Täterrolle ausgehen, dass ein "Schläger" in den Verein kommt.
Man könnte ja auch mal das ganze aus der Sicht des "Opfers" betrachten. Ich würde schon sagen, dass jemand durch den Judosport die Möglichkeit hat ein erhöhtes Selbstwertgefühl zu erlangen. Ist das nicht auch eine Art der Prävention? Sich vor Gewalt zu schützen indem man genug Selbstbewusstsein hat und sich nicht einschüchtern lässt oder anderen hilft, die unter der Gewalt anderer zu leiden haben!

Juergen hat geschrieben:Eine Frage ist es, wie wir das angehen.
Was macht Ihr bei "Gewalt unter Kids" auf der Matte?
Erstmal muss man klären, wo genau Gewalt anfängt. Ich hab es zum Glück noch nicht erlebt, das gezielt Kinder im Judounterricht fertig gemacht wurden. Aber wenn sowas passieren sollte, dann halte ich es auf jeden Fall für wichtig, das der Trainer einschreitet und dies unterbindet. Wie man mit der Situation dann umzugehen hat kann man pauschal nicht sagen aber wichtig ist, dass man nicht einfach wegsieht oder versucht das Problem unter den Teppich zu kehren als sei nichts passiert, sondern dass man das Problem löst und abschließend mit allen darüber spricht.


Wen es interessiert, ich habe vor kurzer Zeit einen Bericht "Judo - Chance in der Gewaltprävention?" von Prof. Dr. Gunter A. Pilz gefunden.
Hab ihn mal hochgeladen
http://www.dasjudoforum.de/judo/judo-ch ... ention.pdf (227 kb)
schöne Grüße
Christian

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Fritz
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Beitrag von Fritz » 18.02.2004, 01:23

@Jürgen:
@Fritz: Auch die "Erlebnispädagogik" sollte nicht aufgrund eines spektakulären Einzelfalles verdammt werden. Das ist Polemik.
Klar ist das Polemik, aber ich halte die gesellschaftliche "Denke",
welche dahinter steht, für verfehlt.
Meiner Meinung nach ist
man in Deutschland zu täterfreundlich und zu opferfeindlich, aus dem
Bauch raus gesagt...
Mich würde sehr interessieren, ob die Opfer der jugendlichen Gewalttäter,
ebenfalls Erlebnispädagogik vom Staat bekommen...?
Schläger gehen eher zu Sportarten, bei denen man schnell lernt, dem Gegenüber die Nase einzuschlagen "Ey, isch kann Kickbox!"
Ist auch attraktiver, nach 1 Jahr Teakwondo oder Kickboxen hast Du soviel gelernt, daß Du genug Schlagkraft für eine Kneipenschlägerei hast (oder glaubst zu haben).
Eigene Erfahrung.
Klar, aber glaub mir, die Typen von denen wir hier reden,
bleiben auch da kein Jahr... ;-) Und mit nem O-Soto-Gari nen Laien
wegzulegen, geht auch nach ner relative kurzen Zeit im Judo.
Was ich sagen will, ich mag diese doch manchmal etwas durchscheinende
leicht überhebliche Attitüde von Judokas gegenüber
den schlagenden und tretenden Kampfsportlern/Künstlern nicht (ohne
hier Jürgen etwas unterstellen zu wollen ;-) )

Pädagogen, und im weitesten Sinne ist das jeder ÜL auf der Matte, können durch Ihr Vorbild auf der Matte gerade bei Kindern viel positives bewirken.
Eine Frage ist es, wie wir das angehen.
Was macht Ihr bei "Gewalt unter Kids" auf der Matte?
"Vorbild" ist schon ein Zauberwort...
Klare, nicht überzogene Forderungen, mit einfachen direkten
Konsequenzen für den Gut- und den Schlechtfall...
Prinzipiell geh ich dann auch immer davon aus,
daß jeder auch bereit ist, das einzustecken was er austeilt ;-)
(Und überschüssige Energie muß abgeleitet werden, gut - ob es
dann auch noch so lustig ist, z.B. zu treten, wenn man es hundertmal
gegen ne Weichbodenmatte machen darf, anstelle gegen nen Kumpel...)
Es ist auch wichtig, daß in der Trainingsgruppe ein
Zusammengehörigkeits- und Verantwortungsgefühl entsteht, so daß
sich das meiste von selbst untereinander klärt.
Ansonsten gibt es natürlich keine Patentrezept, hab auch schon
mal bei nem Trainingslager ne Art "Gerichtsverhandlung" abgehalten,
so mit "jeder erzählt seine Version der Geschichte" und
Zeugenbefragung...
Solange es sich gewaltmäßig im "üblichen, ausgewogenen" Hack-/Rangordnungsrahmen bewegt und nicht akut den Trainingsbetrieb
stört, bin ich eigentlich "tolerant"... ;-)
Wenn es aber bestimmte Grenzen übersteigt - die würde ich schon als Mobbing u. Hinterhältigkeit beschreiben wollen -
dann wirke ich schon so auf die Täter ein, daß sie entweder nicht mehr zum Training kommen oder es halt sein lassen... :-/
Mit freundlichem Gruß

Fritz

Der Müller
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Beitrag von Der Müller » 16.12.2004, 14:56

Es gibt da ein Buch zu dem Thema. Hier eine kleine Einführung

"Budo als Gewaltprävention"

Ulf Neumann / Matthias von Saldern / Ralf Pöhler / Peter-Ulrich Wendt

Zur Einführung

In diesem Buch will sich Kampfkunst (Budo) als Methode gewaltpräventiven Handelns präsentieren und so in den “Mainstream” der aktuellen Gewaltdiskussion etablieren. Das Wort “Budo” ist der Überbegriff für die japanischen Kampfkunstmethoden, die sich aus dem Aspekt des (Lebens)Weges (Do) entwickelt haben. Budo heißt wörtlich übersetzt “Weg des Kriegers” der im eigentlichen Wortsinn “den Kampf anhält und beendet”. Am Beispiel der Kampfkünste Ju-do und Karate-do wird der Nutzen für Gewaltprävention, dessen Möglichkeiten und Grenzen, Vorteile und Gefahren kritisch diskutiert. Dieses (scheinbare) Paradoxon, eine Methode in der Gewaltprävention einzusetzten, welche (vermeindlich) Gewalt zum Inhalt hat, ist nicht nur Chance, Vorurteilen entgegenzuwirken, sondern auch Chance, die potentielle Wirkung der “reinen Lehre” auf das Individuum darzustellen.

Kampfkünste werden seit Jahren erfolgreich in verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern (z.B. Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, politische Bildung, Therapie) von pädagogisch und/oder psychologisch qualifizierten Personen als (primäre bis tertiäre) Prävention für bestimmte Klientel eingesetzt.

Das weit verbreitete Vorurteil, dass Kampfkunst vor allem Gewalt und Aggression lehrt, rührt hauptsächlich aus oberflächlicher Medienpräsentation und vom Hörensagen. Ein anderes Vorurteil ist die Befürchtung, dass dort Schläger mit z.T. todbringenden Techniken ausgebildet werden, die sie skrupellos zum Angriff auf Opfer einsetzen können. Dass Kampfkunst eine Männerdomäne darstellt, in der ein anachronistischer Männlichkeitswahn propagiert wird, ist ein weiteres Vorurteil. Jede und jeder, die bzw. der sich mit Kampfkünsten intensiver auseinandersetzt, wird erkennen müssen, wie weit diese vorurteilsbehafteten Bilder von der Realität entfernt sind. Ihre Lehren beinhalten Leitprinzipien wie Respekt, Höflichkeit und Selbstdisziplin. Die Kampfkünste lehren, nicht andere Menschen als Gegner zu verstehen, sondern den Feind in sich selbst zu bekämpfen, um ein “besserer Mensch” zu werden. Diese Haltung in Verbindung mit der inneren Stärke, die das regelmäßige Üben verleiht, kann inneren und äußeren Frieden mit sich bringen. Das Studium der Kampfkünste wird betrachtet als Menschen- und Charakterbildung und kann zu psychischer Stärke und zum Lebensprinzip werden. Ziel ist die Realisierung eines harmonischen und verantwortungsvollen Menschen.

In seinen Beiträgen geht Prof. Dr. Matthias von Saldern auf den Begriff “Budo” ein. Er definiert ihn, stellt den geistigen Hintergrund heraus und beschreibt die Rolle des Meisters in der Kampfkunst. Ob Kampfkunst gewalttätig macht, dieser Frage nähert der Autor sich im zweiten Beitrag. Durch die Darstellung einschlägiger Untersuchungen kommt er zum Ergebnis, dass positive Wirkungen, die aber abhängig vom Meister/Trainer und den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen des Übenden sind, empirisch festzustellen sind.

Mir Kampfkunst und Kampfsport setzt sich Ulf Neumann auseinander und zeigt die Unterschiede auf. Er verdeutlicht konkrete Eckpunkte für Vereine, die sich der Aufgabe Gewaltprävention widmen wollen, die ihrerseits zu bedenken gilt. In seinem zweiten Beitrag befasst er sich mit der Lehrer-Schüler-Beziehung, im Kontext zu kulturellen Werten und Normen der fernöstlichen und europäischen Gesellschaften, die nicht unproblematisch übertragen werden können. Schließlich stellt er Kompetenzen für Kampfkunst-Lehrer zur Diskussion.

In seinem Beitrag geht Ralf Pöhler der Frage nach, welche Mängel und Einflüsse
bei Kinder und Jugendlichen zu aggressivem Verhalten führen können und was ein
pädagogisch reflektierter Judounterricht an positiven, verhaltensändernden
Strategien und Angeboten bereithält an denen Kinder und Jugendliche
erfahren können, dass es Alternativen zu einem destruktiv-aggressives Verhalten
gibt. Neben den Grenzen, Regeln, Ritualen und Werten im Judo geht er vor allem
der Frage nach, welches Erleben im Zweikämpfen mit Körperkontakt typisch und
primär dort möglich ist, welche Erfahrungen dort gemacht werden können und was
sie im Hinblick auf Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen bewegen
können.
Die Kernthese des Essays von Peter-Ulrich Wendt lautet: Die Aspirationen seitens Jugendförderung in Bezug auf die Möglichkeiten von Kampfkunst als Strategie der Gewaltprävention sind unter- oder überentwickelt. Das Ergebnis seiner Untersuchung stellt überskeptische (Budo stellt eine Verlängerung des Gewaltthemas in die Jugendarbeit hinein), bzw. übereuphorische (Budo ermöglicht eine gänzlich neue Perspektive der Jugendarbeit) Haltungen fest. Ein “realistisches Mittelwegszenario” ist selten anzutreffen. Der Autor deutet das Ergebnis in Richtung des Bedürfnisses der in der Jugendförderung Tätigen, nach Orientierung über die Möglichkeiten und Grenzen der “Methode Budo” in der Jugendarbeit.

Als Sicht des Gewaltforschers beschreibt Prof. Dr. Gunter A. Pilz mögliche Gefahren, aber auch offensichtliche Chancen für gewaltpräventive Jugendarbeit mit der Methode Kampfkunst. Er weist deutlich auf vernetztes Handeln und Nachhaltigkeit von Gewaltprävention hin. Darüber hinaus stellt er eine hohe Verantwortung der Kampfkunst-Lehrer fest. Folglich fordert er die Schaffung regionaler oder überregionaler Arbeitsgemeinschaften für “Kampfkunst in der Gewaltprävention”, die im Sinne freiwilliger Selbstkontrolle die Ausbildung und Arbeit der Kampfkunst-Lehrer überwacht.

Als Protagonist für den Begriff des “friedlichen Kriegers” (Kampfkunst in der Erziehung und Therapie), den er selbst vor fast 20 Jahren eingeführt hat, schreibt Dr. Jörg M. Wolters. Mit einem neuen Berufsfeld, der Budo-Pädagogik, befasst sich sein Beitrag. Die durch ihn selbst konzipierte Ausbildung zur Budo-Pädagogin bzw. -pädagogen, stellt er als sinnvolle Alternative zu den eher erfolglosen und langweiligen Erziehungs- und Therapierversuchen dar.

Das Sound-Karate hat sich bislang ausnahmslos positiv in der Praxis bewährt. Ralf Brünigs Beitrag aus der Praxis einer Hauptschule offeriert neben konzeptioneller Hinweise auf die vielen erfolgversprechenden erzieherischen Effekte dieses “Experimentes”.

Katrin Poetsch plädiert für ein koedukatives Konzept für den Kampfkunst-Unterricht an Schulen. Sie stellt neben Praxiserfahrungen auch konkrete Anforderungen für ein gewaltpräventives Judo-Projekt in der schulischen Mädchenarbeit vor.

Über seine langjährigen Erfahrungen mit Kampfkunst in der Behindertenpädagogik, berichtet Martin Von den Benken. Er kommt zum Ergebnis, dass positive Aspekte, sowohl im sozialen Lernen, als auch in der Neigung zu Gewalttätigkeiten durch den Einsatz von Judo erreicht werden können.

Schließlich runden der Praxisbeitrag von Olaf Zajonc, der in der offenen Jugendarbeit und Schulen der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover und Umgebung Selbstbehauptungs-Trainings und Kampfkunst-Angebote unterbreitet, den Band ab. Der Autor stellt die Arbeit kritisch und reflektiert dar.
Gruß
Jochen

kanou65m
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Beitrag von kanou65m » 26.12.2004, 21:20

hallo jochen,hallo forum
ein wahrlich interessantes thema.sehr reizvoll für jeden dojo,gerade in zeiten,wo wir uns ständig nach neuen kooperationspartnern umschauen müssen.die öffentlichen förderquelle trocknen zunehmens aus-also schauen viele in in richtung "mainstraim"-wieviele kampfkünstler-und da sind unsere judo-aktivitäten geradezu bescheiden-versuchen sich am kuchen "gewaltprävention"? es spriesen selbstkreierte stile und schulen wie pilze aus dem boden-werden sie über die jahre ihren platz finden?
dein empfohlenes buch u.v.a. habe ich auf meiner suche auch gesichtet-eine VERBINDLICHE antwort bleibt es jedoch in bezug auf JUDO schuldig.
alle darin-durchaus richtigen- überlegungen lassen sie m.e. auf nahezu JEDEN sport übertragen,oder liege ich da falsch?
das thema lockt-angebote liegen bereits vor-aber ich zögere.
sollen wir uns raushalten?
grüße aus flensburg
ralf

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Beitrag von bully1987 » 26.12.2004, 23:36

Also, zu aller erst schließe ich mich meinen vorrednern an. Schlägertypen findet man im Judo eigentlich nicht, da wie schon von den anderen erwähnt , die lernphase zu lang ist.
Jedoch muß man ein festhalten:
Schlager werden auf verschiedene Arten gemacht !!
Zum einen durchs Umfelt, oder aber auch durch trainer. Den auch Judo kann in Richtung Angriff geprägt werden. Alles nur eine Frage der Erziehung. Denn was ist den eigentlich Wettkampfsport ??
Hier lernt doch ein Judoka in erster Linie Angriffsjudo, oder ??
Griffkampf und wenn man seinen Griff hat, seine Spezialtechnik einsetzen.
Also liegt es doch bei dem Trainer, seinen Schützlingen bei zu bringen dieses in der Kneipe nicht einzusetzen, auf jedenfall nicht als Aggressor.
Also was ist die Gewaltprävention eigentlich, doch nichts anderes als eine geistige Erziehung.

Ich bin auf jeden Fall froh , Judo zu betreiben, denn hier kann ich meine aggressionen nach herzenslust ausleben :D ( natürlich im Rahmen und ohne meinen Partner zu verletzten ). Denn es geht doch nichts über ein schönes Bodenrandori :D
MfG
Alex

1. DAN Judo ( schwarz )
4. Kyu Ju-Jutsu ( Orange )
2. Kyu im Forum ( blau )

Doch was sagt schon eine Gürtelfarbe aus ???

BadenIkkyu

Judo&Gewaltprävention

Beitrag von BadenIkkyu » 27.12.2004, 00:37

Judo IST Gewaltprävention.:(wenn es richtig gemacht wird)
*Die Kinder können sich austoben (Raufen nach Regeln) ohnedabei jemand zu verletzen(zu müssen) ,
*Judo als verträglicher Stressabbau
*Sie lernen den anderen zu respektieren
*Sie lernen Verantwortung für andere zu übernehmen
*Sie bekommen ein(größeres Selbstbewusstsein. Und brauchen sich nicht mehr rumzuprügeln

Der Müller
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Beitrag von Der Müller » 27.12.2004, 09:44

kanou65m hat geschrieben:... dein empfohlenes buch ...
Habe den Artikel auch nur im Netz gefunden, aber ich denke, dass das schon etwas mit Judo zu tun hat, allerdings wird Judo nicht direkt angesprochen. Wobei ich mich BadenIkkyu anschließe, Judo ist Gewaltprävention
Gruß
Jochen

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Beitrag von coolbost » 27.12.2004, 13:28

wir haben im frühjahr 2 kids vom amtsgericht zugewiesen bekommen
wegen schlägerei in der schule (einer hatte sogar einen behinderten die
treppe runter geschubts)sie kamen sehr grosskotzig zum training aber sie stellten bald fest das sie doch sehr arme lichter waren gegenüber die grün und blaugurte aber jetzt nacheinem halben jahr haben sie sich einigermassen eingefügt und haben auch ihren 1kyu ich muss sagen es hat sehr gut mit denen geklappt in der schule kaum noch auffälligkeiten
wir würden es vom verein wiedermachen aber es ist eine sehr hohe belastung des trainers

Der Müller
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Beitrag von Der Müller » 27.12.2004, 13:34

q.e.d.

quod errat demonstrantum (Was es zu beweisen galt) o.ä.

Haben wir mal wieder Recht gehabt ;)

Ich war übrigens früher auch ein sehr, sagen wir mal lebhaftes ;) Kind, bevor ich mit Judo angefangen habe (das habe ich doch hier irgendwo schon mal geschrieben ... ach ja, siehe hier: http://www.dasjudoforum.de/forum/viewto ... c&start=20 )
Gruß
Jochen

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Beitrag von micha » 28.12.2004, 18:19

Wie schon an anderer Stelle erwähnt wurde Klaus Hinz das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er hat sich jahrelang in der Prävention gegen Gewalt eingesetzt. Sein Verein EBJC-Berlin liegt voll im Kiez von Berlin, er hat es ermöglicht , gefährdete Kids von der Straße zu holen und sie mit viel Energie den Sinn des Judo zu vermitteln.
Fazit: Ich kenne Klaus persönlich und denke mir, er hätte das Projekt nicht angefangen, wenn es nicht Erfolgsversprechend wäre.

Nachlesbar :

http://www.ebjc.de/intern/intern2.htm
Schöne Grüße Micha

kanou65m
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Beitrag von kanou65m » 30.12.2004, 16:00

Prof. Dr. Gunter A. Pilz „Judo – eine Chance in der Gewaltprävention?“ Vortrag anlässlich des bundesoffenen Workshops
„Judo – eine Chance in der Gewaltprävention?“ vom 04.-06. Mai 2001 in Bad Wildungen

http://www.erz.uni-hannover.de/ifsw/dat ... l_judo.pdf

hier werden recht anschaulich die chancen aber auch die grenzen dessen aufgewiesen,wozu judo in diesem zusammenhang geeignet ist.
judo (als eine sportart) kann demnach in einem netzwerk von kooperierenden partnern einen sinnvollen beitrag zur gewaltpävention leisten.

ich würde sehr gern von euch erfahren,welche erfahrungen ihr in euren vereinen/schulen bereits beim aufbau derartiger netzwerke gemacht habt?
von wem ging seinerzeit die initiative aus,usw.?

viele grüße
ralf

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Beitrag von Taty » 04.04.2006, 23:14

Hey...

ich glaube ,das judoka ziemlich schnell den Stress abbauen können, und daher garnicht so schnell aggressiv werden, wie andere...

Wenn man von klein auf Judo macht, so wie ich z.b, dann hat man glaub ich einfach das selbstbewusstsein, das man sich garnicht prügeln braucht ...

Bei anderen Mädels seh ich es immer wieder...
Will ja jetzt nicht von mir erzählen, aber letztens wollten so 14 mädels ne freundin von mir schlagen, ich hab sie einfach da weggezogen, da wollten sie dann mich schlagen! da ich nur gelacht hab und gegangen bin, waren sie so verdutzt das sie es dabei beließen,,,

Also wofür dann gewalt!??

Wenn Kinder sich auf der Matte schlagen, dann wird sich ersteinmal ein anschiss abgeholt;-) udn danach wird das mit dem Kind und den Eltern ausführlich besprochen, damit das Kind dies auch versteht , daher passiert dies nur noch sehr selten!

Es gibt auch schon Schlägermädels , aber im Judo so gut wie garnicht und wenn ich mal aggressiv bin oder so geh ich mich halt abreagieren, durch trainieren----

cyas

Air_Canada
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Beitrag von Air_Canada » 04.04.2006, 23:22

glaube auch, dass man mit judo viel selbstbeherrschung beigebracht bekommt. da für judo auch sehr viel konzentration benötigt wird, glaube ich, dass sich darüber auch etwas psychisch ändert, dass man vielleicht ins "stresssituationen" (vergleich mit wettkampf) ebenfalls erst überlegt dann erst handelt.
denke aber, dass auch sport im allgemeinen schon im allgemeinen fördernd ist, da man sich so abreagieren kann ohne gleich gewalttätig zu werden!

Kattl
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Beitrag von Kattl » 20.04.2006, 21:03

juergen hat geschrieben:Frage an die Frauens: Gibt´s sowas auch bei den "Weibchen" mit Körpereinsatz, oder läuft hier die Aggression über andere Wege? Das würde mich ja interessieren.
[...]
Was macht Ihr bei "Gewalt unter Kids" auf der Matte?
Zu eins: Jap, dat gibbet. Nicht wie "bei euch", aber Körpereinsatz gibt's da auch. Wir schubsen und prügeln uns halt nicht durch Discos, wir rempeln uns eher mal "unaufällig" an :rolleyes Aber meistens reicht da (im Gegensatz zu euch) ein "Großmachen und fest in die Augen sehen" zur Deeskalation.

Beispiel: Frau, Disco, ich. Frau läuft drei Mal an mir vorbei und rempelt dabei jedes einzelne Mal an meine Schulter. Ich dreh mich einfach weg. Frau beim vierten Mal: "Entweder du verpisst dich jetzt, oder...". Ich (mach mich groß, schaue ihr ganz ruhig direkt in die Augen): "Oder was?". Sie (lässt wie bei einem Kugelfisch wieder Luft ab): "Öh, ach... Nix. War nicht so wichtig" - und geht weiter.
Was da bei euch in eine Schlägerei ausarten könnte, ist bei uns an genau diesem Punkt geregelt.


Zu den Kids: Bei den Jungs wurden (früher) die Streithähne zum Trainer zitiert und mussten Stirn an Stirn (mit der Hand vom Trainer dazwischen) gegeneinander stemmen. Plötzlich nimmt der Trainer seine Hand weg, die beiden rammeln sich die Köpfe ein... Und merken sich das für die nächsten Monate.
Im Moment läuft's wohl immer auf ein so genanntes "pädagogisch wertvolles" Gespräch hinaus.

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Beitrag von ctjones » 20.04.2006, 21:19

Also das mit den Köpfen gefällt mir.

Aber bisher haben zum Glück Worte immer gereicht.

Hattet ihr schonmal das Problem, das Knder sich damit brüsten Judo zu können und dann Streit anzufangen um den anderen auf die Matte / Asphalt zu kloppen?
Ich noch nie, wird hoffentlich nie vorkommen.
Bitte versteht mein Verhalten als Zeichen der Ablehnung, mit dem ich euch Gegenüberstehe. (Rebel, Die Ärzte)

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